Wettbewerb "Lebkuchenhaus by (smow) & usm"

Leb ich?

Scharfe Cutter-Klingen fahren unablässig durch die weiche, nachgiebige Haut des Lebkuchens und zerschneiden ihn in Stücke.
Klebrig-weißliche Zucker-Eiweißmasse wird auf die offenen Wunden gestrichen, dann pressen große Hände die neuen Lebkuchenteile fest aneinander. Die stummen Schreie des Lebkuchens verhallen ungehört. Er erinnert sich an Smarties und Gummibärchen, die sich einst liebevoll an ihn schmiegten. Er denkt zurück an die leuchtenden Kinderaugen, die ihn fasziniert betrachteten.

Dann folgt der nächste Schnitt der Klinge. Das kann ein Lebkuchen nicht überleben.

Übrig bleiben harte, beinahe knöcherne Fragmente. Der Lebkuchen ist in viele Einzelstücke zerteilt. Betrachtet man sie genauer, erkennt man, dass sie alle eine bestimmte Form besitzen. Nach seinem Ableben bleibt das, was den Lebkuchen ausmacht – das, wofür er steht, das, wofür man ihn liebt: sein Ursprung und sein Fortbestehen. Das Haus.

Die weiße Masse steht dem Lebkuchen gut; er kann jetzt ein wenig Zucker gebrauchen. Es gefällt ihm, dass er neu aufgebaut wird – anders, als er es aus einem anderen Leben kennt, das längst verschwommen und weit zurückliegt.
Auch dass er in so vielen Häusern wieder aufersteht, lässt sein neues Dasein leichter werden. Er vermisst die Smarties und Gummibärchen nicht mehr; stattdessen ist er stolz auf seine klare, neue Form.

Ein paar Häuser scheinen auf dem Dach zu stehen, und dem Lebkuchen gefällt dieses Spiel mit der Schräge. Er weiß nun, dass das Leben manchmal ungewöhnliche Wege nimmt.
Skulptural erhebt er sich in seiner kollektiven Gesamtform aus den Trümmern; sein Ableben ist vergessen.

Stolz steht er da, und der Lebkuchen ist sich nun sicher. Er spürt es in jeder Pore, er fühlt es entlang jedes einzelnen Rahmens. Er weiß es.

Ich lebe.

Kategorie: Wettbewerbe